LinkedIn. Für die einen ist es die Business-Plattform schlechthin. Für die anderen ein Ort voller Selbstdarstellung, automatisierter Nachrichten und Beiträge, die irgendwie alle gleich klingen.
Und ganz ehrlich? Ich verstehe beide Seiten.
Denn LinkedIn kann großartig sein. Du kannst dort spannende Menschen kennenlernen, dich als Expertin positionieren und echte berufliche Chancen schaffen. Aber LinkedIn kann auch unfassbar anstrengend sein. Vor allem dann, wenn es nur noch darum geht, möglichst perfekt, möglichst laut und möglichst effizient sichtbar zu sein.
Genau darüber habe ich in meinem Podcast NETZWERK-ZIRKEL mit Nele Sicher gesprochen. Nele ist Gründerin des Leaders Branding House, LinkedIn-Expertin und Personal Branding Coach. Eine Frau, die LinkedIn nicht nur strategisch denkt, sondern auch sehr menschlich.
Die Podcastfolge zum Nachlesen.
Foto: SophiaGrabnerFotografie
„Ich bin im Herzen introvertiert. Und für mich war Netzwerken am Anfang eine totale Überforderung. Aber wenn man es wirklich als Beziehungspflege versteht, ist es was total Schönes.„
Und dieser menschliche Blick ist genau das, was wir gerade so dringend brauchen. Denn Personal Branding ist nicht: Ich poste fünfmal pro Woche irgendetwas, das mir eine KI ausgespuckt hat.
Personal Branding ist auch nicht: Ich zeige mich möglichst erfolgreich, möglichst busy und möglichst unangreifbar. Personal Branding beginnt viel früher: nämlich direkt bei dir.
In diesem Artikel erfährst du:
- Warum Personal Branding nicht mit deinem ersten LinkedIn-Post beginnt, sondern mit Selbstreflexion
- Wie Nele als Introvertierte gelernt hat, Netzwerken als echte Beziehungspflege zu leben – statt als Pflichtprogramm
- Welche LinkedIn-No-Go’s du unbedingt vermeiden solltest (Stichwort: Kaltakquise-DMs und KI-Einheitsbrei)
- Warum Kontinuität und Klarheit mehr zählen als das perfekte Selfie
Mehr dazu in der Podcast-Folge: Jetzt gleich reinhören! Und hier die Zusammenfassung zum Lesen.
Personal Branding beginnt nicht auf LinkedIn
Das war für mich einer der stärksten Gedanken aus dem Gespräch mit Nele: Personal Branding startet nicht mit der Frage, welches Foto du posten sollst oder wie oft du auf LinkedIn sichtbar sein musst.
Es beginnt mit Fragen wie:
- Wer bin ich eigentlich?
- Wofür stehe ich?
- Was kann ich gut?
- Wie möchte ich wahrgenommen werden?
- Und was möchte ich ganz bewusst nicht nach außen tragen?
Klingt banal? Ist es aber nicht.
Viele springen sofort in die Umsetzung. LinkedIn Profil optimieren. Beiträge schreiben. Content Plan erstellen. Sichtbarkeit erhöhen. Alles gut & wichtig. Aber wenn darunter keine Klarheit liegt, wird es schnell beliebig. Dann klingt dein Profil wie das von 200 anderen Menschen. Dann steht da „strategisch“, „authentisch“, „leidenschaftlich“ und am Ende weiß trotzdem niemand, warum gerade du relevant bist.
Nele sagt im Gespräch sinngemäß: Es geht nicht darum, sich neu zu erfinden. Du kommst schon als Mensch mit Stärken, Schwächen und Erfahrungen auf die Welt. Die Frage ist eher: Was möchtest du davon bewusster sichtbar machen?
Personal Branding ist keine Kunstfigur. Es ist eine bewusste Verstärkung dessen, was schon da ist.
Sichtbarkeit braucht Haltung
Was ich an Nele sehr schätze: Sie spricht nicht von Sichtbarkeit als Selbstzweck. Es geht nicht darum, einfach nur gesehen zu werden. Es geht darum, mit bestimmten Themen, Werten und Haltungen verbunden zu werden.
Und ja, Haltung macht dich sichtbarer. Aber sie macht dich auch angreifbarer. Das ist der Teil, über den viele nicht so gern sprechen.
Solange du nur weichgespülte Beiträge postest, die niemandem wehtun, wird sich wahrscheinlich niemand daran reiben. Aber es wird sich vielleicht auch niemand wirklich an dich erinnern.
Personal Branding lebt von Kontrasten.
Du musst nicht künstlich provozieren. Bitte nicht. Aber du darfst klarer werden. Du darfst sagen, was du denkst. Du darfst Themen besetzen. Du darfst auch sagen, wofür du nicht stehst.
Was, wenn jemand anderer Meinung ist? Was, wenn du zu direkt bist? Was, wenn du dich festlegst und dich später weiterentwickelst?
Ja. Kann alles passieren.
Aber weißt du, was auch passieren kann? Dass Menschen endlich verstehen, warum sie mit dir arbeiten, dich empfehlen oder dir folgen sollen.
LinkedIn ist kein Pitch Friedhof
Natürlich haben wir auch über Netzwerk “No Go’s” gesprochen. Und da waren Nele und ich uns sehr schnell einig: Unpersönliche Kaltakquise Nachrichten sind ganz weit oben auf der Liste.
Du kennst sie sicher… Erst kommt die Kontaktanfrage. Dann direkt danach eine Nachricht, die so persönlich klingt wie ein falsch ausgefüllter Serienbrief. Und zwei Tage später dann noch ein „Did you get my message?“
Nele hat es im Gespräch auf den Punkt gebracht: Man fragt sich manchmal wirklich, wer diesen Menschen beigebracht hat, dass so Beziehungspflege funktioniert.
Natürlich darfst du auf LinkedIn auf Menschen zugehen. Aber wenn du beim ersten Kontakt so wirkst, als würdest du nur etwas verkaufen wollen, entsteht keine Beziehung. Dann entsteht Druck. Und Druck ist wohl kein guter Start für ein Netzwerk.
Netzwerken bedeutet nicht: Ich schicke möglichst vielen Menschen dieselbe Nachricht und hoffe, dass irgendwer reagiert. Netzwerken bedeutet: Ich interessiere mich. Ich höre hin. Ich schaue, wo Verbindung entstehen kann.
Das klingt langsamer. Ist es manchmal auch. Aber es ist wesentlich nachhaltiger.
Netzwerken ist Beziehungspflege, nicht Selbstdarstellung
Nele erzählt im Interview, dass sie am Anfang ihrer Selbstständigkeit noch kaum berufliche Kontakte hatte. Sie war jung, kam aus dem Studium, baute ihre Agentur auf und musste erst lernen, wie berufliches Netzwerken überhaupt funktioniert.
Dabei half ihr ein Kontakt in Wien, der sie zu Veranstaltungen mitnahm, sie vorstellte und ihr zeigte, wie Menschen im Business miteinander in Verbindung gehen. Ich sag dazu immer “Intros”.
Was ich daran so schön finde: Netzwerken wird hier nicht als „Ich muss mich verkaufen“ erzählt. Sondern als Lernprozess. Beobachten. Zuhören. Mitgehen. Ausprobieren. Auch mal überfordert sein.
Denn ja, Netzwerken kann anstrengend sein. Vor allem, wenn Menschen auf Events so auftreten, als müssten sie jedem sofort ihr Angebot ins Gesicht drücken. Genau das zieht Energie. Und genau deshalb hat Netzwerken bei vielen Menschen so einen schlechten Ruf.
Dabei kann Netzwerken so schön sein, wenn wir es anders verstehen.
Nicht als Taktik. Nicht als Pflichttermin. Nicht als Visitenkartensammelspiel. Sondern als echte Beziehungspflege.
KI kann helfen. ABER sie darf dich nicht ersetzen!
Natürlich nutzen wir alle KI. Ich auch. Sie kann helfen, Ideen zu sortieren, Texte zu strukturieren oder einen ersten Entwurf zu bauen.
Aber was gerade auf LinkedIn passiert, ist teilweise schon wild: viele Beiträge klingen immer total gleich. Dieselben Satzstrukturen. Dieselben Bullet Points. Dieselben Learnings. Dieselben weichgespülten Formulierungen.
Nele sagte dazu sehr klar, dass sie hofft, 2026 werde das Jahr, in dem wir besser mit KI umgehen lernen. Denn 2025 war für viele erst einmal das Jahr der Entdeckung: Wow, ich kann fünf Beiträge pro Woche raushauen.
Ja, kannst du. Aber klingt das noch nach dir?
Gerade bei Personal Branding ist diese Frage entscheidend. Denn wenn dein Text nicht mehr nach dir klingt, was bleibt dann von deiner Personenmarke übrig?
KI ist ein Werkzeug. Nicht deine Persönlichkeit.
Lass sie dich unterstützen. Aber schau am Ende nochmal drauf. Wo bist du in diesem Text? Wo ist deine Meinung? Wo ist dein Ton? Wo ist der eine Satz, den nur du so sagen würdest?
Ohne das wird Content schnell effizient. Aber leer.
Was du teilen solltest und was lieber nicht
Nele hat im Gespräch klare “No Go’s” genannt.
Ganz vorne: Kinder zeigen. Vor allem im beruflichen Kontext sieht sie das kritisch. Ebenso sehr stark politische oder religiöse Inhalte, wenn sie nicht klar zur eigenen Positionierung passen. Und natürlich private Einblicke, die am Ende nur mit einem sehr dünnen Faden noch irgendwie ans Business drangehängt werden.
Auch das kennen wir inzwischen alle: Hochzeitspost. Urlaubsfoto. Familienmoment. Und dann kommt am Ende noch schnell: „Was ich daraus fürs Leadership gelernt habe…“
Kann man machen. Muss man aber nicht. (Ich hab damit schnell wieder aufgehört.. 😉 )
Der Punkt ist nicht, dass LinkedIn steril und unpersönlich bleiben muss. Im Gegenteil. LinkedIn wird persönlicher. Themen wie mentale Gesundheit, Selbstständigkeit und Werte haben dort längst Platz.
Aber persönlich heißt nicht privat bis ins letzte Detail. Du darfst entscheiden, was du teilst. Und vor allem: warum.
Kontinuität schlägt Perfektion
Wenn es eine LinkedIn Strategie gibt, auf die Nele immer wieder zurückkommt, dann ist es Kontinuität.
Nicht im Sinne von: Du musst jeden Tag posten, sonst bist du raus. Sondern im Sinne von: Bleib dran. Zeig dich immer wieder. Positioniere dich lieber klar zu wenigen Themen als beliebig zu allem.
Du musst nicht überall mitreden. Du musst nicht jeden Trend mitnehmen. Aber du solltest wissen, welche Themen zu dir gehören. Und dann immer wieder sichtbar machen, wie du darüber denkst. Genau dadurch entsteht Wiedererkennung. Und Wiedererkennung ist im Personal Branding Gold wert.
Mein Fazit: Weniger Einheitsbrei, mehr du
Was nehme ich aus dem Gespräch mit Nele mit?
LinkedIn kann ein wunderbarer Ort für Sichtbarkeit, Austausch und echtes Netzwerken sein. Aber nur, wenn wir aufhören, die Plattform wie einen Automaten zu behandeln.
Post rein. Reichweite raus. Anfrage rein. Kunde raus. So funktioniert echte Beziehung nicht.
Personal Branding ist kein Kostüm, das du dir für LinkedIn anziehst. Es ist ein bewusster Prozess, bei dem du dir selbst klarer wirst und diese Klarheit nach außen bringst.
Mit Haltung. Mit Wiedererkennung. Mit echtem Interesse an anderen Menschen. Und bitte mit weniger KI Einheitsbrei. Denn am Ende wollen Menschen nicht mit perfekten Profilen sprechen. Sie wollen mit Menschen sprechen.
Und vielleicht ist das der wichtigste Satz aus dieser Folge:
Du musst nicht lauter werden. Du musst klarer werden.
